Die Scheidung ist in Deutschland ein bedeutender Armutsfaktor für Frauen – insbesondere für Mütter. Rund 40 % der Alleinerziehenden gelten als armutsgefährdet. Ein persönlicher Bericht.

Die Autorin erzählt hier stellvertretend die Geschichte einer nahestehenden Person.
Als meine Tochter mich fragte, ob ich diesmal zum Elternabend gehe, habe ich gesagt, ich müsse arbeiten. Das stimmte sogar. Eine Arbeit, die um zwei Uhr nachts endet und nach Bier riecht. Während andere Eltern auf den kleinen Holzstühlen der Grundschule sitzen, freundlich nicken, und später sorglos Nachrichten in die WhatsApp-Klassengruppe schreiben, trage ich nachts Tabletts durch eine Bar in der Innenstadt und rechne im Kopf aus, wie viele Gin Tonic noch nötig sind, damit meine Tochter mit nach Eckernförde fahren kann. Die Klassenfahrt. Dreihundertfünfzig mit Taschengeld, Regenjacke und den Turnschuhen, die „wirklich alle haben".
Früher hätte ich nicht gewusst, was Klassenfahrten kosten. Ich hätte einfach überwiesen. Früher war ich verheiratet. Es ist erstaunlich, wie schnell ein Leben seine Selbstverständlichkeit verliert. Nicht auf einmal. Nicht dramatisch. Eher wie ein Wollpullover, der langsam Fäden zieht, bis man merkt, dass er nirgendwo mehr dicht ist.
Nach der Trennung blieb ich mit den Kindern in unserer Wohnung, weil ich unbedingt verhindern wollte, dass auch noch ihre Welt auseinanderfällt. Die weißen Türen. Das Hochbett. Die vertrauten Wege zur Schule. Was ich unterschätzt habe: Wie teuer Normalität ist.
Ich habe einen guten Beruf. Zumindest klingt er gut, wenn man ihn auf Elternabenden sagt. Früher war das genug. Heute reicht es nach Miete, Strom und Lebensmitteln ungefähr bis zum 17. des Monats. Danach beginnt mein zweites Leben. Dreimal pro Woche kellnere ich abends in einer Bar. Die Kinder bekommen das nur manchmal mit. Ich glaube nicht, dass sie wissen, wie oft „manchmal" inzwischen ist. Um 22 Uhr schreiben mir meine Freundinnen Nachrichten: „Netflix und Bett. Ich bin tot." Da balanciere ich noch Essensbestellungen an Tisch 7, die mehr kosten als die Klassenfahrt, für die ich hier stehe.
Einmal fragte mich meine Tochter: „Mama, warum arbeitest du eigentlich immer, wenn wir schlafen?" Ich sagte: „Damit wir tagsüber zusammen sein können." Das war nicht gelogen. Aber auch nicht die ganze Wahrheit. Die ganze Wahrheit wäre gewesen: Weil ich nachts Geld verdienen kann, ohne dass ihr merkt, dass wir welches brauchen.
Armut sieht aus wie ich. Gepflegte Haare. Weiße Bluse. Freundlich. Akademikerin. Mutter. Früher habe ich eingekauft wie jemand, der davon ausgeht, dass seine EC-Karte funktionieren wird. Bio-Joghurt, Erdbeeren im Winter, schnell noch Blumen mitnehmen. Heute beginnt das Kopfrechnen, bevor ich den Einkaufswagen überhaupt anfasse. Ich kenne die Uhrzeit, zu der die Waren reduziert werden, habe eine emotionale Beziehung zu Rabattstickern entwickelt und weiß, welche Verkäuferin mir jedes Mal mit einem Augenzwinkern noch das Wurstende „für die Kinder" dazulegt.
Am meisten erschöpft mich das Verbergen. Wenn andere Eltern sagen: „Wir gehen heute mit den Kindern ins Kino. Wollt ihr mitkommen?", sage ich: „Wir haben schon was vor." Wenn Kolleginnen mittags Sushi bestellen, sage ich: „Ich bin später noch zum Essen eingeladen." Die Wahrheit ist: Ich möchte nicht erklären müssen, dass zwölf Euro gerade zu viel sind. Ich hätte früher gedacht, Armut fühlt sich nach Mangel an. Tatsächlich fühlt sie sich oft nach Scham an. Nach Ausreden. Nach Nicht-Mitreden. Nach dem Wunsch, dass bloß niemand fragt. Früher dachte ich, Armut sei laut. Heute weiß ich: Sie ist oft sehr still. Sie sitzt freundlich beim Elternabend und hofft die ganze Zeit, nicht aufzufallen.
Aber dann gibt es diese Nachmittage, wenn plötzlich die Freunde meiner Kinder alle zusammen vom Spielplatz kommen. Ihr Lachen und laute Musik. Dann hole ich das alte Waffeleisen hervor. Die Kinder streiten, wer das erste Herz bekommt. Keines von ihnen sieht, dass ich vorher kurz überschlagen habe, ob das Geld für zehn Eier noch drin ist. Kinder schauen nicht auf Kontostände. Sie schauen darauf, ob dein Zuhause warm ist. Ob Liebe im Raum ist. Und wenn ich mitten zwischen ihnen stehe und plötzlich merke, dass ich lache, weil Puderzucker wie Schnee durch die Küche fliegt, dann denke ich: Der wahre Reichtum ist, trotz allem weich geblieben zu sein.