Frauen leisten noch immer den Großteil unbezahlter Care-Arbeit. Was bedeuten der Gender Pay Gap und der Gender Care Gap im Alltag? Und welche Ausgleichsansprüche stehen Dir zu?

Im Gegensatz zum Gender Care Gap, haben die meisten schon mal vom Gender Pay Gap gehört. Er bezeichnet den sogenannten Verdienstabstand pro Stunde zwischen Frauen und Männern. Also der Unterschied im Stundenlohn. Der unbereinigte Gender Pay Gap liegt bei 16%, der bereinigte immer noch bei 6%. In letzterem wird der Teil des Verdienstunterschieds herausgerechnet, der auf strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurückzuführen ist, wie Unterschiede im Hinblick auf Beruf, Branche, Beschäftigungsumfang, Qualifikation oder Karrierelevel. Einige Frauen erhalten selbst dann eine geringere Vergütung, wenn Tätigkeit, Bildungsweg und Erwerbsbiografie mit denen ihrer männlichen Kollegen vergleichbar sind. Der verbleibende "bereinigte" Gender Pay Gap lässt sich also mitunter durch Diskriminierung gegen Frauen erklären.
Der Gender Care Gap bezeichnet den unterschiedlichen Zeitaufwand, den Frauen und Männer für unbezahlte Sorgearbeit aufbringen. Aktuell beträgt er 43,4 Prozent. Das bedeutet, Frauen verwenden durchschnittlich pro Tag etwa 76 Minuten mehr Zeit für unbezahlte Care-Arbeit als Männer. Wöchentlich sind das etwa neun Stunden mehr. Die Tätigkeiten umfassen zum Beispiel sämtliche Haushaltsaufgaben, Pflege und Betreuung von Kindern und Erwachsenen sowie unbezahlte Hilfen in anderen Haushalten.
Der Gender Care Gap und der Gender Pay Gap hängen eng miteinander zusammen: Frauen arbeiten mehr als Männer, wenn man bezahlte und unbezahlte Tätigkeiten gemeinsam betrachtet. Ein Teil davon entfällt auf unbezahlte Sorgearbeit wie Kinderbetreuung, Pflege oder Haushalt. Das ist Zeit, die für Erwerbsarbeit, berufliche Entwicklung und Karrierechancen fehlt. Besonders nach einschneidenden Lebensereignissen wie der Geburt eines Kindes zeigen sich diese Unterschiede deutlich. Langfristig wirkt sich dies auf Einkommen, Aufstiegsmöglichkeiten und die Altersvorsorge aus und kann zu finanzieller Abhängigkeit führen. Eine fairere Aufteilung der Sorgearbeit würde Frauen und Männern gleichermaßen zugutekommen und Frauen stärken, wirtschaftlich unabhängiger und auch in veränderten Lebenssituationen besser abgesichert zu sein.
Unser Rechner zum Gender-Care-Gap zeigt Dir auf, wie viel Deine unbezahlte Care Arbeit tatsächlich wert ist. Ein Verständnis dafür, wie groß der Gender-Care-Gap in Deiner Beziehung ist, kann Dir dabei helfen, ein diffuses Gefühl in konkrete Zahlen zu übersetzen. So können Unterschiede im Alltag besser eingeordnet werden und ihre Auswirkungen auf die Erwerbsarbeit, Einkommen und langfristige finanzielle Sicherheit werden verstanden. Die Ergebnisse können als neutrale Basis dienen, um in Deiner Beziehung oder Familie über eine fairere Verteilung von Care-Arbeit zu sprechen.
Wenn Du in der Beziehung oder Ehe einen Großteil der Care-Arbeit übernommen hast, etwa durch Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Organisation des Haushalts, kann das erhebliche Auswirkungen auf Deine eigene Erwerbstätigkeit gehabt haben. Im Falle einer Scheidung wird das relevant: Das Familienrecht sieht verschiedene Ausgleichsansprüche gegenüber Deinem Ex-Partner vor, weil Care-Arbeit als gleichwertiger Beitrag zur gemeinsamen Lebensführung anerkannt ist.
Ein zentrales Instrument ist der Ehegattenunterhalt, insbesondere der Betreuungsunterhalt, der greifen kann, solange Du wegen der Betreuung gemeinsamer Kinder nicht oder nur eingeschränkt arbeiten kannst. Der Versorgungsausgleich sorgt dafür, dass die während der Ehe erworbenen Rentenanwartschaften zwischen euch aufgeteilt werden, um langfristige Nachteile in der Alterssicherung abzufedern. Über den Zugewinnausgleich wird zudem ausgeglichen, wenn ein Partner während der Ehe deutlich mehr Vermögen aufbauen konnte, häufig auch deshalb, weil der andere durch Care-Arbeit den Rücken freigehalten hat. Mehr Infos dazu gibt es in unserem Artikel zu Finanzen bei der Scheidung. Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass unbezahlte Sorgearbeit rechtlich keine Rolle spielt. Tatsächlich ist sie ein zentraler Faktor bei der Beurteilung von Ausgleichsansprüchen, auch wenn ihre konkrete Höhe immer vom individuellen Lebensverlauf und der rechtlichen Ausgestaltung abhängt.
Um Deine eigene Situation gut einschätzen und vertreten zu können, ist es wichtig, geleistete Care-Arbeit und damit verbundene Erwerbsunterbrechungen möglichst genau zu dokumentieren. Eine frühzeitige rechtliche Beratung hilft Dir außerdem dabei, realistische Ansprüche zu erkennen und Fehler zu vermeiden. Ergebnisse aus Care- oder Einkommensrechnern können zudem eine hilfreiche Grundlage für Gespräche und Verhandlungen sein, etwa mit dem Ex-Partner oder im rechtlichen Verfahren. Ziel sollte dabei immer sein, Deine finanzielle Absicherung zu stärken und langfristig eine eigenständige Vorsorge aufzubauen.
Care-Arbeit ist Arbeit, auch wenn sie nicht bezahlt wird. Der Gender Care Gap und der Gender Pay Gap erklären, warum finanzielle Ungleichheiten häufig strukturell entstehen und sich über den Lebensverlauf verstärken. Rechtliche Ausgleichsmöglichkeiten können diese Nachteile zwar nicht vollständig beseitigen, aber zumindest abmildern. Wer gut informiert ist, gewinnt Handlungsspielräume und kann selbstbewusster für die eigene wirtschaftliche Sicherheit eintreten.
Quellen: