„Irgendwo da draußen läuft der passende Deckel schon rum"

Von Ella Adam und Sabine Hoch

Carsten Böltz ist CEO mehrerer internationaler Dating-Plattformen. Ein Gespräch über die Rolle von KI, Geschlechterunterschiede und was ein gutes Date ausmacht.

„Irgendwo da draußen läuft der passende Deckel schon rum"

Ella: Hast Du selbst schon mal Dating-Apps benutzt?

Carsten Boeltz: Ich bin mit meiner Frau zusammen, seit ich 19 bin. Wir sind seit 2007 verheiratet. Das heißt, ich teste unsere Produkte und auch die der Wettbewerber aus beruflichem Interesse, aber nicht für persönliche Absichten - und ich melde mich auch umgehend wieder ab, um nicht mit echten Nutzerinnen zu matchen.

Wie würdest Du die aktuelle Lage des Online-Datings einschätzen?

Online-Dating ist der häufigste Weg, wie sich 2 Menschen kennenlernen. Aus Nutzersicht ist es gleichzeitig kompliziert. Online-Dating ist ja ein großes Versprechen: Ein Partner, eine Affäre, ein Kontakt für eine Nacht, oder die Liebe fürs Leben. Das ist ein sehr, sehr emotionales Versprechen. Aber letztendlich kann Online-Dating nicht viel mehr leisten als eine gute Bar.

Eine Bar?

Ein Bild, das ich gerne benutze. Wir können dafür sorgen, dass die richtigen Leute da sind und der Barkeeper gut ist. Aber zusammenkommen müssen die Menschen selbst. Viele haben eine andere Erwartung: „Ich habe bezahlt, jetzt muss geliefert werden." So funktioniert das leider nicht. Seit ein paar Jahren gibt es auch mehr Verunsicherung wegen Fake-Profilen. Mit KI kann heutzutage jeder Fotos fälschen oder verändern.

Was macht Ihr, um solche Profile rauszufischen?

Wir haben Glück: Wir sind schon so lange im Markt, dass wir einen großen Datenberg haben und dadurch Muster erkennen können. Bestimmte Verhaltensweisen und Datenzusammensetzungen legen einen Verdacht nahe. Wir haben fast 50 Kolleginnen und Kollegen im Kundenservice, die diese Fälle individuell prüfen. Außerdem können Nutzerinnen und Nutzer auch ihren eigenen Verdacht melden. Die haben häufig ein exzellentes Gespür. Ich glaube, in den nächsten Jahren werden Verifizierungsverfahren Standard werden. Das kennt man zum Beispiel schon vom Online-Banking.

Welches Interesse hätte jemand, der KI-generierte Profile hochlädt?

Einerseits gibt es klassische Betrüger, die in Banden arbeiten. Das läuft nach dem Schema: „Hey, ich würde dich gerne besuchen, aber habe gerade kein Geld. Überweis' mir mal 4000 Euro." Das ist natürlich gefährlich, wenn Gefühle im Spiel sind. Vor solchem Betrug warnen wir unsere Nutzerinnen und Nutzer aktiv.

Und die andere Variante?

Die betrifft einzelne Nutzer. Es ist einfach verführerisch, sich selbst ein bisschen jünger, schöner, schlanker zu machen. Das funktioniert mit KI wunderbar. Außerdem kann KI mir dabei helfen, die bestmögliche Antwort für die nächste Textnachricht zu schreiben. Das bin dann aber nicht mehr ich. Das ist nicht authentisch. Also die Themen Vertrauen und Authentizität sind gerade sehr aktuell im Online-Dating.

Welche Rolle wird KI in Zukunft im Online-Dating spielen?

Aktuell nutzen Menschen ChatGPT am häufigsten, um zwischenmenschliche Probleme zu besprechen. Also, „Ich bin traurig, mein Freund hat mich verlassen, was soll ich tun?" oder „Was soll ich meiner Freundin zum Geburtstag schenken?". Ich sorge mich, dass KI bei der Anbahnung, also auch beim Dating, zwischen Menschen eine immer größere Rolle spielen wird. Bei unseren Produkten sehe ich KI für unsere User etwas kritisch. Vielleicht werden wir es in Zukunft nutzen, um User zu coachen: „Hey, deine Nachricht ist aber echt kurz. Willst du die wirklich so schicken?" Bei einem „Hi?" fällt keiner rückwärts vom Barhocker und sagt: „Wie toll ist die Anmache?!"

Wie wird KI bei Algorithmen verwendet?

Auf der Prozessseite nutzen wir KI für Übersetzungen, Automatisierung von bestimmten Abläufen und die Erstellung von Marketing-Produkten. Beim Matching, also den Profil-Vorschlägen, nutzen wir Machine Learning, um zu gucken, wer zusammenpassen könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in Zukunft KI nutzen, um das Verhalten unserer Nutzer zu analysieren. Zum Beispiel: Was haben die Profile gemeinsam, die sie gut finden?

Und? Wonach suchen Menschen auf Dating-Apps? Gibt es da Muster?

Unsere Marken sind überwiegend für eine etwas ältere Zielgruppe. C-Date ist eine Ausnahme. Aber der Rest ist eher für 50-plus. Da wird es schwierig mit Dating. Diese Menschen suchen nicht die große Liebe, sondern einen Partner, damit man abends nicht allein ist. Aber: Die meisten haben in diesem Alter schon zwei oder drei lange Beziehungen hinter sich und laufen jetzt mit einer Checkliste rum: „Wenn der mit offenem Fenster schlafen will, ist das ein No Go." Da würde ein bisschen mehr Lockerheit gut tun, denn es wird niemanden geben, der genau auf deine Checkliste passt.

Wie findet man diese Lockerheit?

Offen und neugierig sein. Man sollte mehr auf das Gefühl achten: „Fühlt es sich gut mit der anderen Person an?" Und wenn etwas nicht passt, sollte man es sich zusammen anschauen und entscheiden: „Ist das jetzt wirklich ein Dealbreaker?"

Suchen Männer und Frauen das Gleiche auf Dating-Apps?

Wir haben dazu mal qualitative Studien durchgeführt: Da habe ich viele fantastische Frauen gesehen, die sehr interessiert und lebendig sind und modern denken. Und auf der anderen Seite waren Männer, die davon ein bisschen eingeschüchtert waren und die diesen Wandel im Geschlechterrollenbild nicht ganz mitgegangen sind. Frauen suchen oft einen Mann, der lebendig, neugierig, witzig ist und ihnen auf Augenhöhe begegnet. Aber Männer suchen häufig eher etwas Bodenständigeres, Klassischeres, oft auch Jüngeres, nenne ich es mal. Das passt dann leider nicht ganz zusammen. Dieses Muster ist in unserer Studie entstanden, aber das muss natürlich nicht immer gelten.

Wie sieht es bei der jüngeren Generation aus? Also bei Menschen zwischen 20 und 30, der Gen Z?

Da beobachte ich zwei Dinge: Erstens, scheint es einen stärkeren Zug hin zu ernsthaften Beziehungen zu geben, also zu Verbindung und Commitment. Und weniger zu kompletter sexueller Freiheit. Zweitens fühlt sich das eher fluid an. Die Gen Z hat weniger einen konkreten Plan und sagt eher: „Ich lerne mal Menschen kennen und gucke dann, wohin es führt." Das kann eine Freundschaft werden, das kann Sex sein, das kann auch eine Beziehung sein. Aber wenn es eine Beziehung wird, dann mit viel Commitment.

Über die Gen Z wird häufiger gesagt, dass sie eine sogenannte Dating-App-Fatigue hat. Wie siehst du das?

Das hängt mit diesem offenen, fluiden Verständnis von Dating zusammen. Für die jüngere Generation ist das aktive Suchen und ewige Swipen frustrierend. Die haben einen starken Wunsch nach echtem Kontakt. Einige Dating-Apps versuchen daher, offline Begegnungen stärker einzubauen. Das ist, glaube ich, der richtige Weg.

Gibt es auch kulturelle Unterschiede beim Online-Dating?

In der westlichen Hemisphäre sehe ich keine großen Unterschiede. Also, Dating funktioniert in den USA, in Mexiko, Norwegen, Spanien oder Deutschland ungefähr gleich. In kulturell anders geprägten Regionen, zum Beispiel im arabischen Raum, funktioniert Dating einfach anders. Auch in Asien. Da spielt Religion eine größere Rolle. Die Apps sind manchmal auch video-lastiger. Mehr Bling-Bling. Das sind dann aber eher Nuancen. Afrika ist relativ unerschlossen. Da gibt es viele Nutzerinnen und Nutzer, aber es ist schwer zu monetarisieren.

Wie hoch ist Eure Erfolgsquote?

Wir messen Erfolg daran, wie oft wir Nutzerinnen und Nutzer auf unserer Plattform in eine tiefe Kommunikation bringen können. Theoretisch können wir Konversationen mitlesen, das machen wir aus Datenschutzgründen aber nicht ohne berechtigtes Interesse. Daher messen wir die Gesprächstiefe an bestimmten Parametern, wie Häufigkeit und Länge der Nachrichten. Für eine gute Unterhaltung muss halt mehr als „Hi" und „Nö" passieren. Aktuell schaffen wir es, dass 80% unserer Nutzerinnen und Nutzer in den ersten Tagen solchen relevanten Kontakt finden.

Was machen die, die es nicht schaffen, falsch?

Manche denken, dass es auch ohne Fotos im Profil geht. Das klappt aber nicht. Man will ja wissen, mit wem man es zu tun hat. Das Zweite ist, dass sie sitzen und warten, bis jemand auf sie zukommt. Das betrifft meistens Männer. Das ist, wie wenn man in einer Bar sitzt und in sein Glas reinstarrt. Da kommt auch keine Frau vorbei und sagt: „Hey, ich find' dich aber süß." Wir können den Leuten nicht das Flirten abnehmen. Und: Wir sehen oft, dass Menschen sich jünger, schlanker, schöner machen. Das fällt einem aber immer auf die Füße, spätestens beim ersten Date. Ich kann nur allen raten: Steht zu euch so, wie ihr seid. Irgendwo da draußen läuft der passende Deckel schon rum. Und: Neugierig und freundlich sein bringt einen sehr weit im Leben.

Angenommen, der erste Kontakt war erfolgreich. Was macht ein gutes Date aus?

Ganz ehrlich, ob man dann wirklich matcht, sich gegenseitig riechen kann und attraktiv findet, das kann man vorher nicht sagen und auch nicht wirklich beeinflussen. Aber ich finde, ein Date war schon schön, wenn man eine gute Zeit hatte und merkt, dass die andere Person gerne diese Zeit mit einem verbracht hat. Diese Wertschätzung tut doch immer gut. Noch besser ist es natürlich, wenn man sich gegenseitig toll findet.

Kennst du ein Paar persönlich, das sich über eine Eurer Plattformen kennengelernt hat?

Ja! Eine ehemalige Kollegin hat Ihren Mann bei uns kennengelernt! Heute sind sie glücklich verheiratet, Eltern und alles fing bei uns an. Das hat uns gezeigt, wie gut unser Algorithmus funktioniert.

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