Wenn der Partner Bindungsangst hat

Von Sabine Hoch
Wenn der Partner Bindungsangst hat

Eine Liebesbeziehung einzugehen ist eine komplexe Angelegenheit.

Hormone drehen durch, neue Gefühle von Zugehörigkeit, Sicherheit, Aufregung und Wärme entstehen. Bei den meisten. Subjektiv, fühlt es sich für alle unterschiedlich an.

Vielen fällt es leicht, Bindung und Beziehungsperson hauptsächlich positiv zu sehen, doch es gibt Menschen, denen das schwer fällt, die Nähe und längeren Beziehungen misstrauisch gegenüberstehen.

Ich war mal in einer Beziehung, in der ich zwar sehr verliebt war, jedoch wenig Nähe zurückbekam. Der Partner wollte nicht heiraten und typische Aussagen waren: "Schmuck und Blumen verschenke ich grundsätzlich nicht" und "Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht". Oder: „Ich mache das und das.., möchtest Du mitkommen?" Es gab hauptsächlich ein "ich" und wenig "wir", ich fühlte mich wie im Schlepptau und nicht gemeinsam am Steuer unserer Beziehung. Und wenn ich ihn dann einmal fragte, wie er sich denn um unsere Partnerschaft bemühe, dann meinte er, er hätte doch gestern den Müll runter getragen.

Wenn ein Mensch sich schwer auf Beziehungen einlassen kann, sondern mit Schutzmechanismen wie Rückzug, Kälte, Kontrolle oder Gleichgültigkeit reagiert, hat die Psychologie, genauer gesagt die Bindungstheorie, eine Bezeichnung: Bindungsangst, auch vermeidender Bindungsstil genannt.

Das Verhältnis zu unseren Eltern prägt unser Beziehungsleben nachhaltig. Familiäre Erfahrungen prägen unsere Vorstellungen von Beziehung und Liebe, und bestimmen teils auch unseren Bindungsstil. Die Wissenschaft nennt drei Liebestypen: sicher, ängstlich und vermeidend.

Oft steckt hinter dem vermeidenden Bindungsstil kein Mangel an Gefühl, sondern Angst vor Bindung. Kinder, die instabile Elternhäuser, Verlust, Missbrauch, oder Vernachlässigung erlebt haben, lernen: „Nähe tut weh." Sie schützen sich, indem sie Gefühle unterdrücken und Autonomie über Bindung stellen. Sie empfinden weniger Empathie und können Gefühle anderer nur schwer einordnen. Autonomie und Unabhängigkeit sind den Bindungsängstlichen das Wichtigste und die Beziehung erhält von ihnen nicht genug Wert, um irgendetwas an sich dafür zu ändern.

Typische Merkmale von vermeidendem Liebesstil bzw. Bindungsangst:

  • Nähe fühlt sich bedrohlich oder unangenehm an, Distanz wird vorgezogen
  • Partnerschaft wird mit Kontrolle, Schmerz oder Abhängigkeit verbunden
  • Beziehungen fühlen sich eher wie Pflicht, Spiel oder Risiko an und nicht wie Geborgenheit
  • Sex vermittelt wenig Nähe, One-Night-Stands werden vorgezogen

Bindungsangst ist Ausdruck eines Dilemmas: „Ich will geliebt werden – aber ich habe Angst, mich abhängig zu machen." Menschen mit Bindungsangst sehnen sich möglicherweise nach einer Partnerschaft, können ihre Beziehungsperson aber nicht nah an sich ranlassen.

Was hilft da? Bindungsstil ist keine feste Charaktereigenschaft, sondern ein durch Erfahrungen geprägtes Verhalten, das neu gelernt werden kann. Dafür muss die Erfahrung gemacht werden, dass Nähe nicht automatisch Gefahr bedeutet. Am wichtigsten dafür ist eine sichere Beziehung und das Erkennen des persönlichen Musters. Dann kann eine Therapie (z.B. bindungsorientierte Therapie) helfen und das Wahrnehmen stärken, dass Nähe nicht Abhängigkeit bedeutet, Gefühle zuzulassen gut ist, und auch, dass Selbstmitgefühl wichtig ist.

Doch einfach ist die Veränderung für Bindungsängstliche nicht, denn sie neigen mehr zur Rationalität und lassen Gefühle nur ungern zu. Deshalb haben sie oft keinen emotionalen Druck, sich oder etwas zu verändern.

Für Beziehungspersonen von Menschen mit Bindungsangst gilt es besonders, den erwachsenen Anteil in sich zu stärken, der stabil, rational und klar Grenzen setzt, außerdem ein gutes Leben ausserhalb der Beziehung zu führen, sich von der Hoffnung auf Veränderung zu verabschieden und letztendlich den Wahlspruch eines meiner Paartherapeuten zu beherzigen, der für jede Beziehung gelten sollte: Ich brauche Dich nicht für mein Leben, aber ich will mit Dir mein Leben verbringen.

Und vielleicht will man dann auch irgendwann nicht mehr…

Literatur:

Stefanie Stahl, Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen

Gottman, Die Vermessung der Liebe

Kast, Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt

Für ein starkes Leben und gesunde Beziehungen

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